Harald Dülfer

Hoppla, jetzt komm ich!
Ein halbes Jahrhundert Kintopp in Wuppertal

Drama am Bahnhof
Elberfelder tobten vor Begeisterung

3. Fortsetzung


»Die Zukunft gehört dem Filmtheater.« Das stand in einem dicken Brief der Firma Lubin aus Amerika. 1899 hielten ihn Jean Hänsler und sein Sohn in Händen. Sie hatten »Im Salamander« eine Stätte froher Unterhaltung geschaffen. Stets waren sie auf der Jagd noch Neuem. Aber diesen Brief wog Jean Hänsler doch unschlüssig und kritisch. »Stellen Sie Ihr Theater ganz auf Film um. Wir raten es Ihnen.« Das war nun doch schon fast eine Frechheit, einem so bekannten Varieté-Fachmann gegenüber.

Aber Leo ließ seinem Vater nicht viel Zeit zum Grübeln. Er war hellauf begeistert, und er gab nicht eher Ruhe, bis der Seniorchef schließlich brummte: »Na, gut schon, lassen wir das Dings mal kommen. Du könntest recht haben: Vielleicht ist was dran an diesem neumodischen Film.«


Noch im gleichen Jahr

Beide setzten sich an ihren Schreibtisch in einem kleinen, schlichten Raum des »Salamanders« und brachten ihre Bestellung zu Papier. Noch im November des gleichen Jahres kam die Lieferung prompt an. War das ein Drama!

Leo mußte die Sendung am Steinbecker Bahnhof in Empfang nehmen. In schweren Kisten, vielfach eingeschlagen, lag der wuchtige Filmapparat auf der Rampe. Sein Anblick war zum Fürchten. Die Zollbeamten standen mißtrauisch um den Wunderkasten aus Amerika und kratzten sich verlegen die Köpfe. Was sie mit dem Dings anfangen sollten, das war ihnen schleierhaft. Nun aber erst einmal die Filmrollen, die aus Amerika gleich mitgeliefert wurden! Hundert und mehr Meter maß so ein Streifen. Den Apparat – nun, den hatte man noch in die Zollvorschrift einordnen und einen fetten Batzen Einfuhr draufschlagen können. Aber wie sollten die langen Bänder verzollt worden? In den Paragraphen stand nichts von »Tarifen für Filme«.


Mit Streichhölzern probiert

Leo dauerte das alles viel zu lange. Er konnte einfach nicht mehr erwarten, den Apparat aufzustellen und losschnurren zu lassen. Und diese langweiligen Zollbeamten konnten und konnten kein Ende finden mit ihrem Palaver. Dabei war einer so schlau wie der andere! »Moment«, grinste da ein einfallsreicher Mann vom Zoll, holte aus der Tasche ein Döschen Streichhölzer und wollte die Flamme daranhalten: »Wenn es brennt, ist das Zeug sicher so was wie Wolle, dann wissen wir mit dem Tarif schon Bescheid.« Was wußte der Gute schon von der Explosionsgefahr eines Zelluloidstreifens! Leo Hänsler konnte ihm gerade noch die Filmrolle aus der Hand reißen. Buchstäblich in letzter Sekunde wurde die erste Filmvorführung von dem fixen 16jährigen Jungen gerettet!

Ein paar Stunden Arbeit nur, dann stand der Vorführapparat, richtig eingestellt, im improvisierten Vorführraum des »Salamander«. Die ersten Filmmeter rollten ab. Und Vater und Sohn waren begeistert! Das war gerade das Richtige für das verwöhnte Publikum, das dauernd nach neuen Attraktionen schrie!


»Reise zum Mond«

Das normale, umfangreiche Varietéprogramm war fast zu Ende. Die Kapelle mußte jeden Augenblick den Schlußmarsch anstimmen  – da kamen plötzlich mehrere Männer in blauen und weißen Kitteln auf die Bühne und befestigten eine Leinwand. Das Licht verlosch: Der erste »Monumental-Film« aus Amerika lief an. Sein Titel: »Die Reise zum Mond«. [Es könnte dieser oder dieser Film gewesen sein. Méliès’ berühmter Film »Le Voyage dans la lune« wurde erst 1902 uraufgeführt. ED] Der kühne Vorstoß in die Stratosphäre maß mit Abreise, Ankunft und Erforschung der Planeten – 300 Meter! Das Publikum saß starr. Und dann tobte es vor Begeisterung.

Die »Reise zum Mond« war wochenlang das Tagesgespräch von Elberfeld. Aus allen angrenzenden Städten und Dörfern strömten die Neugierigen herbei. Das Geschäft des Jean Hänsler blühte auf. Am Abend des ersten Tages klopfte er seinem Sohn auf die Schulter: Viele Worte brauchte er nicht zu machen. Sie wußten: »Das war der erste, aber ganz bestimmt nicht der letzte Film, den wir beide vorgeführt haben!«

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